Wer stützt die Stützenden?
Angehörige und Vertraute von Menschen mit psychischen Erkrankungen leisten einen zentralen und systemrelevanten Beitrag für unsere Gesellschaft – oft still und allein.
Gemeinsam mit der Angehörigenbewegung «Stand by You Schweiz» und dem Together Institute hat Panter eine Community-Plattform entwickelt, auf der Angehörige einander finden, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig unterstützen. Seit dem Launch im Herbst 2025 ist daraus eine aktive Online-Community entstanden – aufgebaut mit der Methodik des «Community Weaving», betrieben mit Unterstützung künstlicher Intelligenz.
2,1 Millionen Angehörige: die unsichtbare Stütze der Versorgung
Was die psychiatrische Versorgung nicht auffangen kann, übernehmen Angehörige und Vertraute. Gemäss einer aktuellen Sotomo-Studie begleiten aktuell 2,1 Millionen Menschen in der Schweiz eine nahestehende Person mit einer psychischen Erkrankung – fast jede dritte erwachsene Person. 73 Prozent von ihnen erleben diese Rolle als Belastung, und über die Hälfte findet, dass es für Angehörige selbst zu wenige Angebote gibt. Der Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen wäre für viele die wirksamste Entlastung – doch genau dieser Kontakt kommt im Alltag selten zustande.
Hier setzt Stand by You Schweiz an. Die nationale Angehörigenbewegung macht die Rolle der Angehörigen und Vertrauten sicht-, hör- und spürbar. Mit der Community-Plattform wollte sie einen Ort schaffen, an dem Angehörige einander begegnen können: kein Ersatz für Therapie, kein Ratgeberportal, sondern ein moderierter, niederschwelliger Raum für gegenseitige Unterstützung – eine Caring Community.
Die eigentliche Herausforderung: Aktivität statt verwaister Plattform
Die grösste Hürde solcher Projekte ist nicht die Technik. Viele digitale Community-Plattformen starten vielversprechend und verlieren nach dem Launch rasch an Aktivität, weil Beiträge unbeantwortet bleiben und neue Mitglieder den Einstieg nicht finden. Das Projektteam stellte deshalb nicht die Software, sondern den Aufbau der Gemeinschaft ins Zentrum.
Die methodische Grundlage lieferte das «Community Weaving» von Michel Bachmann (Together Institute). Es beschreibt eine Gemeinschaft im Bild des Lagerfeuers: In der Mitte steht der gemeinsame Zweck, darum herum liegen Kreise – von den stark Engagierten innen bis zu den Neuankömmlingen aussen, die Schritt für Schritt näher rücken. Aus diesem Modell wurden konkrete Rollen, Formate und Abläufe für die künftige Community abgeleitet.
Partizipativ von Anfang an: erst die Community, dann die Software
In gemeinsamen Workshops erarbeiteten Angehörige, Vertreter*innen der Angehörigenorganisation und Panter zuerst die «Minimum Viable Community»: Zielgruppen, Zweck, Werte und Rollen der künftigen Gemeinschaft. Erst auf dieser Grundlage entstand die Plattform – iterativ und eng entlang der Bedürfnisse der Community.
Eine Besonderheit des Projekts war die Ko-Produktion: Seitens Stand by You Schweiz engagierten sich alle Mitglieder des Projektteams und des Sounding Boards ehrenamtlich – mit einer Verbindlichkeit und einem Engagement, die das Projekt massgeblich geprägt haben. Für ein Softwareprojekt ist das aussergewöhnlich; für dieses war es entscheidend.
Die Plattform: Funktionen für Austausch, Orientierung und Nähe
Der Einstieg ist bewusst niederschwellig gestaltet: Wer sich registriert – mit Vornamen oder Pseudonym, mit oder ohne Foto –, wird innert kurzer Zeit von einem Host persönlich begrüsst: «Hallo, schön bist du da.» Von dort führt der Weg zu Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, in Themengruppen und auch an physischen Veranstaltungen in der Region.
Die massgeschneiderte Neuentwicklung ist als Progressive Web App im Web sowie auf iOS- und Android-Geräten verfügbar und umfasst folgende Kernfunktionen:
- Anonyme Registrierung: Mitglieder entscheiden selbst, wie viel sie von sich preisgeben – Pseudonym und Profil ohne Foto sind möglich.
- Begrüssung und Begleitung durch Hosts: Erfahrene Angehörige heissen neue Mitglieder willkommen, führen durch das Angebot und stehen unterstützend bei.
- Themengruppen: Moderierte Gruppen – etwa zu «Depression» oder «Eltern betroffener Kinder» – bündeln den Austausch nach Erfahrungswelten.
- 1:1-Chats und Newsfeed: Direkte Gespräche und ein gemeinsamer Feed vernetzen Mitglieder mit ähnlichen Themen.
- Veranstaltungen: Ein Kalender verbindet die Online-Community mit Treffen und regionalen Angeboten – als Brücke ins Analoge.
- «Ich sehe dich»-Reaktion: Eigens gestaltete Reaktionen ermöglichen Anteilnahme, wo Worte fehlen.
- KI-gestützte Moderation: Eine KI-gestützte Prüfung der Beiträge unterstützt das Hosting-Team im Hintergrund.
”Eine Plattform für Angehörige zu bauen ist weniger eine technische Herausforderung als vielmehr die Kunst, die Menschen dahinter zu verstehen. Genau das hat die Panter AG geleistet – und daraus eine Lösung entwickelt, in der Plattform, Integration und Community-Arbeit stimmig ineinandergreifen.»
Sören LönborgCo-Projektleiter Community-Plattform, Stand by You Schweiz
Freiwillige Hosts im Zentrum, KI im Hintergrund
Getragen wird die Community vom Hosting-Team: ein gutes Dutzend erfahrene Angehörige, die ehrenamtlich begrüssen, moderieren und vernetzen, koordiniert durch einen «Host of the Hosts». Wie wirksam diese Rolle ist, zeigt eine Zahl aus dem Betrieb: Ein einzelner Host hat seit dem Launch über achtzig Angehörige persönlich begleitet.
Die künstliche Intelligenz übernimmt bewusst eine unterstützende Rolle – an zwei Stellen. In der Entwicklung machten KI-Werkzeuge die massgeschneiderte Lösung rund 30 Prozent schneller und günstiger. Im Betrieb prüft die KI Beiträge automatisch auf mögliche Verstösse gegen die Community-Guidelines oder gegen die Angehörigen-Perspektive und benachrichtigt bei Auffälligkeiten das Hosting-Team. Ob und wie reagiert wird, entscheiden die Hosts.
Vom Entwicklungsprojekt zum Regelbetrieb
Die Plattform ging im Herbst 2025 vorzeitig und im vereinbarten Budget online. Das Entwicklungsprojekt ist inzwischen abgeschlossen, die Lösung läuft im Regelbetrieb. Seit dem Launch hat sich eine aktive Community mit mehreren hundert Mitgliedern gebildet; rund ein Drittel von ihnen ist Woche für Woche auf der Plattform aktiv – ein für junge Online-Communities bemerkenswert hoher Wert. Tausende Nachrichten und «Ich sehe dich»-Reaktionen wurden ausgetauscht, und rund um die Online-Community fanden fast zweihundert physische Anlässe statt. Technisch ist die Lösung auf weiteres Wachstum ausgelegt und unterstützt mehrere tausend Nutzer*innen.
”In 30 Jahren Software- und Serviceentwicklung hat sich meine Arbeit selten so sinnstiftend angefühlt wie in diesem Projekt.
Flavio TroleseCo-Projektleiter Community-Plattform, Panter AG
- Start with WHO: Eine Community beginnt bei den Menschen, nicht bei der Software. Zielgruppen, Zweck und Rollen werden geklärt, bevor die erste Zeile Code entsteht.
- Community Weaving ab Tag 1: Beziehungen, Rollen und Rituale werden von Beginn an aufgebaut – partizipativ, ko-produktiv und auf Augenhöhe.
- KI als Helferin, nie als Ersatz: Klug eingesetzt, senkt künstliche Intelligenz die Entwicklungskosten und entlastet freiwillig engagierte Hosts – die menschliche Verbindung bleibt unersetzlich.
Flavio Trolese, Mitgründer & Co-Projektleiter
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